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Besuch im Handwerkerdorf Garagos in Oberägypten

Auszug aus dem Nil-Reise-Tagebuch 2016

Mittwoch 09.11. - Vorletztes Frühstück auf der „MS Steigenberger Legacy.“ Während der eine Teil der Gruppe zur einzigartigen Karnak-Tempelanlage fuhr, machten wir zu dritt einen Trip ins wahre, heutige Leben Ägyptens, und fuhren mit Emad Saladin ins nur rund 25 km entfernte Dorf Garagos, von dem ich vor einigen Monaten erfahren und sehr interessantes gelesen hatte.

Zuerst steuerten wir die kleine Jesuitenkirche, mit angrenzender Schule und Kindergarten an, allerdings öffnete auf unser Klingeln hin zunächst niemand. An den Reaktionen der Dorfbewohner merkte man schnell, dass hier schon lange keine Touristen mehr zu Besuch waren. Vor der Tür kam eine Marktfrau mit Sohn auf einem Esel sitzend und einer Schubkarre die Gasse entlang gefahren und bot ihr frisch geerntetes Gemüse an. Möhren, Paprika und Gagir. Es gibt nicht leckeres als frischen ägyptischen Gagir, den wir unter dem Namen Rucola kennen. Für ein paar Piaster konnte ich ein Sträußchen mein Eigen nennen und hoffte, dass es in eine Tüte gepackt den Rest des Tages einigermaßen überlebte.

Wir versuchten unser Glück in der nur ein paar Minuten entfernten Töpferei, in der u.a. wunderschöne Gegenstände für den alltäglichen Gebrauch hergestellt werden sollen. Aber noch faszinierender ist die Dorfgeschichte. Vor mehr als 150 Jahren kam ein Jesuitenpater in das kleine ägyptische Dorf Garagos, baute eine Kirche, gründete ein Krankenhaus und eine Schule. Die Kirche und die Schule existieren bis heute. Neben der Landwirtschaft begann er zudem das Töpferhandwerk zu etablieren und schuf damit eine Einkommensgrundlage für die hier lebenden Menschen. Um 1950 holte sich der seiner Zeit leitende Pater einen der bekanntesten Architekten des Landes zur Hilfe und beauftragte ihn, aus der kleinen Töpferwerkstatt eine effiziente Fabrik zu erbauen. Hassan Fathy (*1900 in Alexandria - †1989 in Kairo) machte sich an´s Werk. Er entwarf und baute einen Gebäudekomplex, der sich der Umgebung der Menschen, deren Arbeitsabläufen perfekt anpasste und genau so bis heute funktioniert.

Getöpfert wird mit erstklassigen aus Assuan kommenden Tonmaterial. Wir konnten die einzelnen Schritte von der Gewinnung des Rohmaterials bis hin zur Bearbeitung der formbaren Masse auf der Töpferscheibe beobachten. Der Antrieb der Scheibe, Holztritt mit Drahtseilen verbunden, ist noch der der damals eingebaut wurde. Bis auf den Brennofen, der ersetzt werden musste, wei er einfach zu klein wurde, ist alles wie es damals gebaut wurde. Schnell und faszinierend geschickt formten flinke Hände aus einem unansehnlichen „Schlammklops“ einen Krug. In dem Raum, in dem die Töpferscheibe steht hängen zwei Bilder an der Wand. Voller Stolz erklärte man uns wer abgebildet ist. Das eine zeigt Hassan Fathy im hohen Alter, und das andere aus dem Jahr 1986 und „erzählt“ vom hohen Besuch des schwedischen Königspaares Carl XVI Gustaf und seiner Frau Silvia, die die Töpferei auf Ägyptenrundreise besuchten. 

 

Unser Weg führte in einen Raum, in dem viel fertige und halbfertige Töpferarbeiten gelagert waren. Man hatte das Gefühl, dass Weihnachten nicht mehr allzu lange entfernt ist. Hier wird allerdings das ganze Jahr über, wie oben schon angemerkt, u.a. für große, meist nur einmal im Jahr stattfindende Messen und Ausstellungen gefertigt.

Aber auch in Deutschland gab es Töpferwaren aus Garagos. Bis zum Herbst 2015 fand es jedes Jahr einen „Garagos-Bazar“ in Elkhausen, einem Ortsteil von Katzwinkel (Westerwald), der von den in dem oberägyptischen Dorf lebten und arbeiteten Comboni-Ordensschwestern (Ordensgemeinschaft der römisch-katholischen Kirche) mit organisierten wurde, wo u.a. auch Gegenstände aus der Töpferei ausgestellt und gekauft werden konnten. Nur zwei Jahre fehlten, dann hätte man ein wundervolles 40-jähriges Jubiläum feiern können, aber leider musste nach 38 Jahren das Ende eingeläutet werden. Wegen der unsicheren Lage, Personal- und Finanzmangel, aber auch wegen dem öffentlichen Druck auf die Ordensschwestern, haben sie den Ort verlassen und agieren nun an anderen Ordensstandpunkten in Ägypten. Aber auch in Hurghada bekommt man die herrlichen Gegenstände aus der Töpferei und zwar in der "Al Mazzar Galerie" die sich innerhalb der Senzo Mall befindet.

Am Ende unseres Rundganges kamen wir in die Lagehalle, in der wunderschöne für den Verkauf bestimmte Keramikgegenstände in allen Größen, Formen und Arten, bis unter die Decke gelagert werden und auf den Abtransport zu Messen und Ausstellungen warten. Egal ob Schüssel, Tassen oder Teller, jedes Stück ist einzigartig. Vieles hätte ich sehr gern mitgenommen und kaufte zwei Teetassen, für zwei besondere Menschen und hoffte das sie darüber freuen.

Als nächstes versuchten wir unser Glück noch einmal bei der Jesuiten-Anlage mit Kirche, Kindergarten mit einer integrierten Grundschule. Bei unserer Ankunft kamen uns die Kleinen, alle gleich in rot weiß karierten Kittelchen gekleidet, paarweise händchenhaltend entgegen und sahen schüchtern zu den Fremdlingen rüber. Die Kindergartenanlage sieht fast genauso wie bei uns. Spielecken mit Wippen, und überall hingen herrliche Ergebnisse von Bastel- und Malstunden an Wänden und von der Decke. Am Eingang zum großen Spielraum steht sogar ein großer Schneemann und in einer hinteren Ecke ein geräumiger, eingezäunter „Bällepool“. Die Schwestern in diesem überkonfessionell geführten Kindergarten und Grundschule leisten sehr sehr Wichtiges. Mädchen und Jungen lachen, weinen, lernen und spielen zusammen, egal ob kleine Christen und oder kleine Muslime.

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